Frequent Arschplattsitzer

Der Anzugträger war offensichtlich Profi. Das verriet nicht nur der absichtlich für Jedermann gut sichtbar am Handkoffer befestigte, rote Gepäckanhänger, der ihn als Vielflieger der zweithöchsten Kaste markierte, sondern auch sein vermutlich über Jahre perfektioniertes Verhalten am Gate. Geschickt hielt er sich abseits der sich vor dem noch geschlossenen Ausgang zum Fingerdock bildenden Schlange in der sich zuvorderst das übliche Gerangel um die Pole Position entwickelte. Es könnte ja schließlich trotz bereits vor Wochen während der Arbeitszeit im Büro sorgfältig ausgewählten Sitzplatz möglichst weit vorne im Flugzeug jemand den Platz streitig machen. Der Profi ließ sich auf diese Machtgerangel nicht ein, wartete wissend ab, bis auf dem Bildschirm über dem Gate der grüne Kreis erschien, welcher anzeigt, dass der Flug zum Einsteigen bereit ist. Kurz darauf ertönte über die Lautsprecher die Ansage, welche bei jedem Businesskasper den Adrenalinspiegel zum ersten Mal in der Woche (und oft auch zum einzigen Mal) in die Höhe schnellen lässt; dass nun die Business- und Statuskunden durch den Linken Eingang vor allen anderen einsteigen dürfen.  Das war das Zeichen für den Flugprofi: In einer Art Sprint zog er aus seinem Hinterhalt selbstbewusst und skrupellos and der Wartenden Menge vorbei und legte unter Protest der Business-Kasper Community hinter ihm als erster sein Handy mit dem QR-Code nach oben unter den Scanner. Sieg. Die Lampe leuchtete Grün – ein schlechtes Zeichen – denn das heißt er wird in der Klasse fliegen, die er bezahlt hat und dass das System  ihm keinen kleinen Kassenzettel mit einem neuen Sitz in einer höheren Klasse – also ein Upgrade ausspucken wird. Pech. Die Woche ist gelaufen – obwohl er den Kampf um den ersten Platz im Betreten des Fliegers gewonnen hat.

Man muss dazusagen, dass sich diese Szene an einem Montagmorgen, kurz nach 6 Uhr an einem Gate des Flughafen Zürichs für einen Flug nach Frankfurt abspielte. Dieser Flug ist quasi die Champions-League der Businesskasper; hier trifft sich die Elite der Vielflieger – diejenigen, die es geschafft haben, sich in Zürich einen gutbezahlten Job zu ergattern und von hier zu ihren Konzern-Missionen in die Welt aufzubrechen. Es sind die Berater, Banker, Projetleiter und Manager die alle um 4 Uhr morgens aufgestanden sind, sich in Schale geworfen haben und jetzt voller Taten- und Geltungsdrang darauf warten in die Röhre eingelassen zu werden um sich als erste die Gala zu schnappen und dann möglichst schnell im Flugzeugsitz einzuschlafen.  

Entsprechend sind ca. 90% des fliegenden Anzugträger-Klientels sogenannte Statuskunden, welche ihren roten oder schwarzen Kofferanhänger damit verdient haben, in Flugzeugen zu sitzen, die Gala zu lesen (die sie natürlich nur für ihre Frau mitnehmen), sich bedienen zu lassen und sich dabei unglaublich wichtig vorzukommen. Was in der Armee die Streifen auf den Schulterklapen der Uniform sind, sind hier die Kofferanhänger. Schwarz hat mehr Stunden abgesessen als Rot und Silber ist ganz unten in der Frequent-Traveller-Hierarchie und wird am Gate entsprechend selbstverständlich zur Seite gedrängt.

Noch offensichtlicher wird die Businessfliegerkasperhierarchie noch vor dem Gate: nämlich in den Lounges – den modernen Schlachtfelder der meist männlichen Konzern-Gladiatoren des 21. Jarhhunderts. An einem frühen Montagmorgen ist hier der Testosterongehalt in der Luft nicht nur förmlich spür- sondern auch Riechbar. Es Knistert in der Luft vor Wettbewerbsgeist und Egogehabe. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen schon frühmorgens in eine Dreiklassengesellschaft – fein säuberlich werden die Alphatiere nach Statuszugehörigkeit in eigene Räume geleitet – die mit den roten und goldenen Anhängern nach rechts, die armen Würste mit den silbernen Anhänger nach Links und die mit den schwarzen werden zu einem separaten Eingang fernab des restlichen Pöbels geleitet.

Airline-Lounges gehören zu den tiefsten Abgründen der modernen Gesellschaft: Hier treffen sich in kondensierter Form die globalen Vertreter der Möchtegern-Elite zum großen ich bin wichtiger als alle anderen Schaulaufen. In üblicherweise überfüllten aber durchgestylten loungeartigen Kantinen kämpfen sie um Sitzplätze, den Zugang zum Kaffeeautomaten, eine Brezel von der Bar oder eine Dusche. Die Airlines appellieren mit ihren Statusprogrammen an den niedrigsten Instinkt der Menschheit – das Geltungsbedürfnis – und entsprechend fühlt sich jeder hier unglaublich wichtig und vor allem wichtiger als alle anderen. Wer denkt, dass sich die vermeintlichen Leistungsträger der Gesellschaft zu benehmen wissen und ihren schicken und teuren Anzügen und Schuhen entsprechend Etikette wahren, dem Empfehle ich ausdrücklich einen Besuch in einer Status-Lounge (die Tickets kann man übrigens auch käuflich erwerben, aber das nur unter uns) um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Kaum wo anders werden Anstand, Respekt und Sozialverhalten so klein geschrieben wie hier. Denn schließlich hat man sich den Gratiskaffee ja hart verdient: Durch stundenlanges im Flugzeugsitzen und Gala lesen.

 

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